
Kaffeeflecken
An den Fenstern meines Zugabteils zieht eine recht ansehnliche Landschaft vorbei. Wälder, Felder, Blumen, sogar ein Fluss, der einige Kilometer später in einen See mündet.
Nichts davon kriege ich mit.
Ich möchte nicht sagen, dass es mich nicht interessiert, ich bin Vorstadt-Kind, das heißt, ich mache nicht oft Bekannschaft mit einem Kinderbilderbuch-Idyll von Natur, aber ich habe im Moment wirklich wichtigeres zu tun.
Ich lese ein Buch.
Und zwar nicht irgendein Buch, ich lese ein Buch mit Kaffeeflecken.
Ein Buch mit Kaffeeflecken unterscheidet sich wesentlich von denen, die sich sonst in meinem Besitz befinden, denn ich bin eine, wie Anne Fadiman es in ihrem Buch Ex Libris definiert, ritterlich liebende Leserin. Ich behandele meine Bücher mit Sorgfalt und Anstand, versuche jegliche Beschädigung innerhalb und außerhalb des Einbandes zu vermeiden, was am Ende stets darauf hinausläuft, das keines meiner neu gekauften Bücher mein Haus verlässt.
Allein die Vorstellung, welche Qualen ein Buch in meiner Schultasche durchleiden müsste - unerwünschter Kontakt mit Teilen meines Pausenbrotes, hochgefährliche Attacken von unachtsam hineingeworfenen Mäppchen, abnutzende Reibereien mit dem Diercke Atlas - lässt mich schaudern. Und diese Angst ist in keinster Weise ein Hirngespinst, alle meine Schullektüren, über Dürrenmatts Besuch der alten Dame bis hin zu Süskinds Parfum, können belegen, dass ein Leben als Schultaschenbuch den Alterungsprozess ungemein fördert.
Die Lösung des Problems ist naheliegend: Bibliotheksbücher.
Bibliotheksbücher zeichnen sich dadurch aus, stets eingebunden zu sein, was, wie ich zu meiner Erleichterung bei einem Praktikum aus erster Hand erfahren durfte, nur noch bei Schenkungen Aufgabe des Bibliothekars selbst ist. Diese sich nahezu nahtlos mit den Buchdeckeln vereinende Plastikfolie stellt ein Schutzschild dar gegen alle Gefahren, die einem Buch in seinem Leben so begegnen können, meine Schultaschengefahren eingeschlossen.
Außerdem ist mir, und das zeugt von meinem schlechten Charakter, bei Büchern, die nicht meine eigenen sind, ihr Zustand vor wie nach meiner Nutzung relativ egal. Wo ich in der Buchhandlung stets darauf achte, ein einwandfreies Exemplar zu kaufen, greife ich in der Bibliothek einfach zu. Ich gehe sogar soweit, dass ich, sollte sich die seltene Gelegenheit bieten, dass zwei Ausgaben vorhanden sind, die nehme, die älter aussieht.
Denn, das muss jeder neidlos anerkennen, besitzen solche Bücher einen unwiderstehlichen Charme - den Charme des Lebens.
Vor einigen Jahre habe ich in der Bibliothek im Nachbarort ein Buch auf die Wunschliste gesetzt, was ich mir dann schließlich doch selbst gekauft habe. Es wurde eines meiner Lieblingsbücher, und als es dann wider Erwarten doch seinen Platz in den Regalen fand, sah ich jedes mal, wenn ich dort war, nach, ob es noch da war und in welchem Zustand es sich befand.
Gut zwei Jahre lang sah es aus wie neu.
Dann wurde es aussortiert.
Das machte mich traurig.
Denn all die kleinen und großen Gebrauchsspuren zeugen doch erst davon, dass das Buch wirklich gelesen wurde. Allerdings, und das mag nun verquer klingen, ist die Schutzfolie ein riesiges Hindernis für ein Buch, Leben zu erlangen und Erfahrungen zu machen.
Kurz: Bibliotheksbücher sind praktisch, aber ungemütlich.
Gemütliche Bücher sind abgegriffene (aber nicht zerfledderte) Taschenbücher, wie man sie auf Flohmärkten oft findet. Diese Bücher waren dem Leben ausgeliefert - schutzeinbandlos. Ihre Verkäufer können nur zweierlei Typen von Menschen sein, die wahren Liebhaber, die auch andere an dem Genuss teilhaben lassen wollen, den sie einst mit dem Werk hatten oder die geldgierigen Unwissenden, die unachtsam Dachboden und Keller geplündert haben in der Hoffnung auf den großen Reibach.
Der Unterschied ist oft nicht einfach zu erkennen, doch gibt es zwei untrügliche Indizien: Die sichersten sind Randnotizen. Sie zeigen, dass der Verkäufer das Buch nicht einfach nur gelesen, sondern, dass er es auch verstanden hat. Sie machen aus Monologen Dialoge und verraten nicht selten einiges über den Charakter des Lesers.
Das andere wären Kaffeeflecken. Kaffee ist ein Getränk der Gemütlichkeit, wohingegen Tee die Langeweile symbolisiert. Haben Sie schonmal jemanden einen Teebeutel mit der gleichen Glückseligkeit beschnuppern sehen wie eine frisch geöffnete Tüte Kaffee? Eben. Tee ist nichts weiter als heißes Wasser mit Geschmack, Kaffee ist eine Bohne, ein Rohstoff an sich, das Wasser dient hier nur zur bequemeren Einnahme der Droge.
Ein Buch mit Kaffeeflecken stellt sofort diese Verbindung her an einen kuscheligen Ohrensessel, leiser Musik im Hintergrund und, und das ist mit das Wichtigste, den Nahrungsmitteln, die zum Kaffee gereicht werden.
Kaffee ist das Getränk der Schokolade.
Schokoladenkekse, Schokoladenkuchen, Schokoladentafeln - all das harmoniert hervorragend mit Kaffee, was biologisch in keinster Weise verwunderlich ist, schließlich existiert beides in seiner tiefsten Urform als Bohne.
Mein Schritt zum Kaffee folgte über die Schokolade und schickte mich, sehr zu meinem Unmut, auf einen wackeligen Pfad.
Ich musste feststellen, dass mir Kaffee nicht schmeckte.
Ich mag den Geruch von Kaffee, esse Cappucino-Schokolade und setzte Starbuck's in die Top 5 meiner Lieblingsorte auf diesem Planeten, aber ich kann mich mit einer Tasse pur einfach nicht anfreunden.
Das mag daran liegen, dass mein jugendlicher Gaumen die Bitterkeit noch nicht so recht gefallen will, also ist wohl Zeit und Übung gefragt.
Aber dennoch will ich es nie dazu kommen lassen, dass ich den Kaffee nur noch als Mittel dazu ansehe, morgens überhaupt noch wach zu werden, weil mein Körper dem Koffein gegenüber resistent geworden ist, wie es bei so vielen vielbeschäftigten Erwachsenen der Fall ist. Die, die den Coffee sowieso nur noch in der ‚to go'-Form zu sich nehmen und damit zeigen, dass Gemütlichkeit ihnen fremd ist.
Es klopft.
Eine beleibte Frau mit einem freundlichen Gesicht fragt, ob ich etwas trinken möchte.
Ich entscheide mich für einen Kakao.
Als sie die Tür meines Abteils wieder schließt, nehme ich einen kleinen Schluck und lese weiter.
Und freue mich auf den Tag, an dem ich meine eigenen Kaffeeflecken hinterlassen werde.